Ein traditionelles Fest

Für den Samstag war ein großes Fest geplant, uns zu Ehren und zur Einweihung des neuen Hauses. Der gesamte Familienclan war eingeladen, dazu die Nachbarn. Schon den Nachmittag vorher waren die Frauen, d.h. Sidi, Clarisse, Kombos Mutter Ruth und seine Schwägerin Florence mit den Vorbereitungen beschäftigt. Wir waren inzwischen voll integriert, und morgens hatte ich es mir zur Gewohnheit gemacht, Clarisse beim Abwasch zu helfen. Dabei mussten wir ständig die Enten vertreiben, die immer wieder versuchten, das Spülwasser aus den Plastikschüsseln zu trinken.

Kleiner Exkurs: Die politische Situation
Dieses Mal zog ich es vor, unter dem Cachewtree mit Clouston zu diskutieren. Er erzählte mir vieles über die Probleme in Kenia. Soziale Absicherung gibt es kaum. Er selbst bezieht eine kleine Rente, von der er leben kann. Seine acht Kinder sind inzwischen erwachsen. Heute, so sagt er, wollen die Leute nicht mehr so viele Kinder, höchstens eins oder zwei, denn sie sollen ja eine bessere Ausbildung bekommen. Geburtenregelung ist selbstverständlich geworden. Die Vierjährigen, wie auch der kleine Kombo, gehen bereits zur Vorschule und lernen Englisch, allerdings nur das Sprechen, Lesen und Schreiben kommen später. Die Arbeitslosenzahl liegt bei 40%, und Unterstützung gibt es nicht. Arbeitslose werden aufgefangen vom Familienclan. Pläne für eine Absicherung im Krankheitsfall sollen in Kürze in die Tat umgesetzt werden. Die Politik Kibakis wird skeptisch gesehen, er habe zwar viel versprochen aber bislang zu wenig erreicht.

Die Landbevölkerung bekennt sich meist zum Christentum. In Rabai gehören alle zur Pfingstgemeinde. Anders als bei uns Europäern steht ihr Bekenntnis nicht nur auf dem Papier. Die Religion bildet den Lebensinhalt, wie Gott es will ist alles recht, sagt Clouston. Glaube und Hoffnung gehören zusammen, und nur durch den Glauben lassen sich die Unbillen des Lebens ertragen. Alles, was der Mensch besitzt, hat er von Gott, und darum dankt man ihm vor jeder Mahlzeit, vor jedem Aufbruch, vor jeder Entscheidung.
Clouston ist ein frommer Mann, aber ich spüre: Diese Frömmigkeit ist echt!

 

Zur Feier des Tages bekamen wir eine Ziege geschenkt. In einer kurzen Ansprache erklärte Clouston, dass wir sie ja nicht mit nach Hause nehmen könnten und sie deshalb geschlachtet und gemeinsam gegessen werden sollte. Winfried war fassungslos: Das nette Tier sollte für uns sterben? Ich fasste mich schnell: Hier gab es einen Brauch zu sehen, wie er in Afrika seit Urzeiten praktiziert wird, und so etwas bekommt man nicht alle Tage zu sehen.
Nach der feierlichen Übergabe begaben sich die Männer mit dem Tier in eine abgelegene Ecke des Grundstücks. Clouston sprach ein Gebet, dann ging es zur Sache. Ein Stich ins Herz - genau konnte ich es nicht sehen, auch die Kamera hat nur die Rücken der Schlachter erwischt. Jedenfalls schrie das Tier nicht, es war wohl sofort tot. Das Fleisch haben wir später mit gemischten Gefühlen gegessen.

Bilder vom Fest

Glückliche Kinder

Die Ziege

Beim Krapfenbacken

Bei der Hausarbeit

Eine Feier um eine gedeckte Tafel herum? Nein, das gab es nicht. Die Menschen verteilten sich auf dem Grundstück, holten sich Krapfen, die die Frauen gebacken hatten, und zum Abendessen kamen nicht mehr als fünf oder sechs an den Tisch, einen ausrangierten Büroschreibtisch. Trotzdem kamen wir mit vielen Menschen ins Gespräch. Da waren junge Leute, die zum Teil recht kuriose Zukunftspläne entwickelten, Ältere, die aus der Vergangenheit berichteten, und eine alte Dame, Sidis Oma, die nur Suahili sprach, nicht lesen und schreiben konnte. Una miaka mingapi? (Wie alt bist Du?), fragte ich sie. Sie lächelte verlegen, und Sidi gab die Antwort: Sie weiß es nicht!
Ich verteilte die mitgebrachten Kugelschreiber und Schreibpapier unter die Kinder, die alles gleich vehement an sich rissen. Mit Einbruch der Dunkelheit, und das ist am Äquator ja bereits spätestens um 18.30 Uhr, war der Spuk vorbei.

Später saß ich wie meistens abends vor dem Haus auf einem Wasserkanister und genoss den grandiosen Anblick des südlichen Sternenhimmels. Ein paar Jugendliche, die noch mit einem Kofferradio draußen waren, fragten, ob man denn in Deutschland keine Sterne sehen könne. Ich versuchte ihnen zu erklären, dass die vielen Lichter der Städte und Straßen den Blick auf den Sternenhimmel einschränkten. Aber da hinten ist doch auch eine Stadt, meinte einer nachdenklich. Sehr weit weg waren einzelne Lichtpunkte zu sehen... Mir wurde klar, dass die Nächte da, wo es keine Elektrizität gibt, von unbegreiflicher Schönheit sein können.

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